Von Erika Reglin-Hormann
Das „Philosophische Quartett“ aus Berlin über das Grundeinkommen
Zunächst sollte das Grundeinkommen unter dem Freiheitsbegriff diskutiert werden und Herr Matthias Möhring Hesse, der an der Uni Vechta philsophische und theologische Grundlagen des sozialen Handelns unterrichtet, sagte hierzu ein paar kluge Dinge.
Wie, dass der Freiheitsbegriff als Handlungsfreiheit verstanden werden könne und diese Art der Handlungsfreiheit bedingt, dass die Gesellschaft dafür einige Voraussetzungen erfüllen müsse. Äußere Bedingung von Handlungsfreiheit sei, etwas zu wollen und das dann auch zu tun. „Wir müssen diese Handlungsfreiheit anderen zusprechen, wir sind nicht alleine frei, die Freiheit beruht auf der Vorleistung von anderen.“ Freiheit sei nicht „solitär“, also immer nur in der Verbindung mit anderen möglich. Freiheit müsse zudem eine Gleichheitsdimension haben (Egalität) – „als Freie sind wir alle gleich und als Gleiche sind wir frei.“
Um auszuführen, dass alleine frei sein, keinen Sinn macht, zog er ein Beispiel aus der Literatur heran. „Robinson Crusoe ist nicht frei, sondern einsam. Erst mit dem Auftauchen von Freitag ist er auch frei.“ Freiheit bedeute deshalb nicht nur die Gleichheit aller Freien, sondern die Zugehörigkeit zu den Freien sowie der wechselseitigen Gewährleistung von Freiheit. Diese drei Bedingungen von Freiheit beschreibt er mit den Attributen „nicht solitär, „egalitär“ und „inklusiv“.
Götz Werner, ebenfalls als Redner geladen, drückt es noch einfacher aus, indem er sagt, „Freiheit ist die Befähigung, nein zu sagen.“
Grundsätzlich ist bei solchen Diskussionen auffällig, dass Menschen eine nicht akademische Sprache bevorzugen und diese schneller und besser verarbeiten können. Götz Werner, der im Gegensatz zu Herrn Möhring Hesse in kurzen und prägnanten Sätzen spricht, konnte darum bei der Zuhörerschaft besser punkten. Die ständige Wiederholung des Inklusions-Begriffes von Herrn Möhring-Hesse wäre bei der Sendung „Scobel“ auf 3Sat in der Tat besser aufgehoben gewesen.
Ausgrenzung und Ungleichheit – eine Bedrohung?
Was auffällt, ist, dass Wissenschaftler, Soziologen und andere Menschen mit akademischen Graden, die sich als Gegner des Grundeinkommens positionieren, ihre Skepsis zur Einführung eines Grundeinkommens häufig argumentativ so aufbauen, dass sie dem Thema „Ausgrenzung“ bestimmter Gesellschaftsschichten vermeintlich empathisch gegenüberstehen, aber gleichzeitig erkennen lassen, dass sie den gesellschaftlichen Schichten, die sie als bildungsfern bezeichnen, nur wenig bis kein Verantwortungsgefühl und im Umgang mit der Handlungsfreiheit wenig Kompetenz zusprechen. Damit wird jedoch eine ganze Schicht von Menschen pauschal einem Urteil unterworfen, demnach alle Menschen ohne besondere Bildung verantwortungsvolles Handeln vermissen lassen.
Dies scheint die eigentliche Ursache für die Ablehnung zu sein. Darüber hinaus sind gerade Menschen, die einen bestimmten Bildungsgrad erreicht haben, der Meinung, dass nach Möglichkeit alle Menschen in den Genuss einer solchen Bildung kommen sollten und die Tatsache, dass Menschen, die jenseits von Ausbildung ihr soziales Umfeld sowohl anders wahrnehmen als auch behandeln, ihnen unangenehme Gefühle auslösen. So sind Menschen, die sich selbst als gebildet empfinden, ungleich höher bestrebt, diejenigen, die solcher Bildung fern sind, dahin zu bewegen als umgekehrt. Hier wird ständig an einem Seil in eine Richtung gezogen.
Dieses hat nur sekundär mit Mitgefühl zu tun, sondern damit, dass der Mensch ein Wesen ist, das mit dem anderen besser auskommt, wenn es in ihm ein weitestgehend ähnliches Wesen erkennt. Sobald die Unterschiede zu groß werden, ist die Versuchung groß, diese Unterschiede überwinden zu wollen.
Bildung – das Mantra der Gegenwart
Die in der Öffentlichkeit sehr präsent geführte Bildungsdebatte ist ein Zeichen dafür. Ein primärer Grund für diesen öffentlichen Willen findet sich vielmehr in der Angst vor dem Anderssein. Um es mal plakativ darzustellen, fühlt sich ein Hochschullehrer in der Gegenwart eines Hilfsarbeiters auf dem Bau unwohl. Umgekehrt mag das ebenfalls so sein. Hat es aber auch eine entsprechende Relevanz?
Die sehr einseitige Konzentration auf Bildung wirkt deklassierend und andere Werte und Vorstellungen von Erziehung und Zusammenhalt gehen unter.
Wie Herr Möhring Hesse denkt und wie er fühlt, sind darum zwei unterschiedliche Dinge. Dies kommt in einigen seiner Äußerungen zutage. Wenn er von „Exklusion“ spricht, so kommt dabei eines rüber: Die Ausgrenzung bestimmter – sozial schwacher – Menschen gefährden sein eigenes Bild von einer perfekten Gesellschaft. Ich mutmaße, er würde gerne alle Menschen integriert sehen, auch wenn er sicher von sich behaupten würde, ein Gegner von Konformismus zu sein. Ich glaube, es gibt dennoch einen großen Unterschied.
Der intellektuelle Geist diktiert dem Menschen, was politisch korrekt ist, doch das – ich nenne es mal das „Echsengehirn“ –viel älter als der Intellekt, hat ganz andere Beweggründe. Vor allem konfrontiert es uns mit Ängsten, gegen die der rationale Verstand zwar vehement argumentieren will, es aber eben doch nicht in Vollendung schafft. So sind zum Beispiel die Hamburger Tafeln von ihm erwähnt worden; als negatives Beispiel ehrenamtlicher Tätigkeit, bei der selbst die Ehrenamtlichen sich bereits ausgegrenzt sähen und dies eine in sich abgeschlossene Welt darstelle, die mit gesellschaftlicher Teilhabe wenig zu tun habe. Es ist keine Frage, dass die Obdachlosenspeisung nichts ist, was in den Alltag eines Universitätsprofessors hineinpasst. Er beschreibt einen Missstand, der in seinen Augen ein solcher ist. Genau wie in den Augen der meisten Menschen und sicher auch in den Augen derer, die von Obdachlosigkeit betroffen sind. Bedenklich finde ich dennoch, dass diese Art der Missstände ständiger Gegenstand einer öffentlichen Berichterstattung sind.
Das gesellschaftliche Korrektiv
Interessant ist das Heranziehen solcher Beispiele in jedem Fall. Götz Werner lieferte dann auch noch eine Steilvorlage, indem er darauf zu sprechen kam, dass mit einem Grundeinkommen keiner mehr eine Ausrede haben würde, so auch der Obdachlose auf der Straße nicht. Dies gab Herrn Möhring Hesse den Antrieb, rechtschaffene Empörung hierüber zu äußern. Ich möchte bezweifeln, ob diese Art von Entrüstung authentisch ist. Wie kann überhaupt jemand echte, unverfälschte Empathie empfinden, wenn es ihn nicht selbst einmal so erwischt hat und er die Erfahrungswelt des anderen durch eigene Erfahrung nachvollziehen oder aber so dicht am Leben eines Obdachlosen dran war, dass er es fühlen, sehen und riechen kann?
Bewusst werden solche Aussagen darum gerne falsch verstanden. Die Aussage Herrn Werners „keiner habe dann eine Ausrede mehr“ bezieht sich auf die Erfahrung in einer Gesellschaft, wo man an jeder Ecke, an jedem Kneipentresen und am Mittagstisch (auch und gerade bei Menschen, die sich einer guten Bildung erfreuen können) zu hören bekommt, wie man selbst oder die Schwester, der Onkel oder sonstwer zum Opfer geworden sei. Sei es durch das System oder sei es durch den Chef, sei es durch andere Menschen, sei es durch eine falsche Verkehrsführung, sei es dadurch, dass keiner Zivilcourage an den Tag legt, sei es, dass mal wieder die Oberbosse den kleinen Mann in den Arsch treten, sei es, dass die Griechen den Euro kaputt gewirtschaftet haben und so weiter und so fort.
Im Beklagen und in der Opferrolle sind wir Deutsche Meister. Meisterlich sind wir ganz sicher darin, uns zu beschweren und Missstände anzuprangern. Von unserer Politik verlangen wir übermenschliche Fähigkeiten, von den Unternehmen verlangen wir soziales Engagement, von den Lehrern eine gute Ausbildung, von den Eltern, ihre Kinder mündig zu erziehen, von den Reichen, für die Armen einzutreten etcetera. Im Verlangen und Fordern sind wir ganz groß. Ziemlich schnell sind wir ebenfalls damit, andere mit Spott und Häme zu überschütten.
Die Aussage, niemand hätte dann eine Ausrede mehr, heißt weitergedacht, es hätte niemand mehr ein treffliches Argument für sein Verharren in Stagnation oder noch provokanter: für sein eigenes Versagen. Dass das herausfordert, ist klar. Aber dass es darum umso mehr zutrifft, eben auch.
Einige Grundeinkommensbefürworter gehen davon aus, dass die Menschen keinen Entschuldigungsbrief mehr einreichen könnten, der da lautet: „Tut mir Leid, ich kann mein Leben nicht so leben, wie ich es gerne leben wollen würde.“ Tatsächlich gibt es so etwas wie eine zivile „Rechtsprechung“. Die gibt es heute und die gab es gestern. Wer in seiner Lebensblüte, gesund und ausgestattet mit bestimmten Fähigkeiten keiner sinnvollen Beschäftigung nachgeht (sei es nun eine Arbeit oder ein Ehrenamt oder eine künstlerische, körperliche, geistige oder sonstwie zu beobachtende Tätigkeit), der ist auch heute gesellschaftlich bereits geächtet. Daran ändert ein Grundeinkommen nichts, daran ändern auch die heutigen Systeme nichts.
Stigma Arbeitslosigkeit
Menschen, die ohne Betätigung sind – unverschuldet oder nicht – fühlen sich auf Dauer beobachtet, unwohl, nutzlos, geächtet und wertlos. Sie fühlen sich deshalb so, weil genau das eintritt: Sie werden beobachtet - von Freunden, Bekannten, Nachbarn usw.- „Na, was macht die Arbeitssuche?“, „Wie, du hast noch immer nichts gefunden?“ und „Wie kannst du nur so leben?“ Freunde schicken arbeitslos gewordenen Freunden Stellenanzeigen, die sie entdeckt haben.
Das Unwohlsein setzt ein, wenn sich nach einiger Zeit noch immer keine Veränderung abzeichnet, die Fragen werden langsam skeptisch „Sag mal, bemühst du dich eigentlich?“ – die eigene Wohnung ist kein gemütlicher Ort mehr, wo man sich nach einem schaffensreichen Tag ausruhen darf, Aufräumen und Saubermachen machen viel weniger Sinn als noch vorher. Schließlich fühlt sich ein so Untätiger von seiner Umwelt ausgegrenzt und geächtet, was er in gewissem Maß auch ist. Menschen, die selbst ein ausgefülltes und beschäftigtes Leben haben, können solche Phasen nicht gut nachvollziehen, weil sie sich in einer komplett anderen Lebens- und Erfahrungswelt befinden.
Die Isolation von Arbeitslosen ist zum Teil selbst gewählt, zum Teil eine Frage der Wahrnehmung und zum anderen Teil eine Desintegration des gesellschaftlichen Umfelds. Wer nur wenig von seinem Alltag erzählen kann, wird bald nicht mehr danach gefragt. Die arbeitenden Freunde vermuten, der Arbeitslose habe ja doch nicht viel zu erzählen und so lange es keine anderen wichtigen Themen gibt, erlahmt das Interesse an einem gegenseitigen Austausch. Der Arbeitslose wird sich vielleicht von sich aus zurückziehen, um sich die Peinlichkeit zu ersparen, einen Tag zu beschreiben, an dem nichts Nennenswertes los war.
Der Zustand von Nichtstun kann bereits nach wenigen Tagen so etwas wie eine Depression bei Menschen auslösen. Gut festzustellen daran, wenn man sich selbst dabei beobachtet, wie es einem geht, wenn man mit einer Grippe zwei oder drei Tage lang das Bett hütete.
Umgekehrt wird gelobt, wer sich entweder redlich bemühte oder irgendeiner als sinnvoll oder nützlich zu bezeichnenden Beschäftigung nachging. „Jedenfalls hast du dich nicht gehen lassen“, „Es ist schön, dass du etwas aus dir machst, auch wenn du gerade keine Arbeit hast“. Die Menschen sind sich damit ein gegenseitiges Korrektiv. Sie sind Beobachter – manchmal sind sie Scharfrichter und manchmal sind sie Tröster. Ihre volle Wirkung entfalten solche Korrektive am effektivsten, wenn sie aus dem Kreis der Nahestehenden kommen. Sie werden schwächer, je weniger sich ein Mensch persönlich angesprochen fühlt, aber letztlich ist die Summe dieses Korrektivs die gesellschaftliche Meinung. Daran ändert keine Geldleistung und auch ein Grundeinkommen nichts. Darum werden Geldleistungen in der Regel über- oder unterschätzt.
Missbrauchs-Litanei – Futter für Politik und Medien
Die Annahme vieler Menschen, dass die sozialen Hilfen in Form von Geldleistungen missbraucht werden, hat aus diesem Grund weniger Relevanz, als man es gemeinhin gerne sieht.
Zum einen macht Missbrauch nur dann Sinn, wenn sich am Ende ein Gefühl von Zufriedenheit breit machen kann. Zufriedenheit setzt aber nur ein, wenn etwas gesellschaftlich anerkannt ist. Das Beziehen von Geldleistungen auf der Basis von Sozialhilfe ist das nicht. Nun werden wieder die bildungsarmen Schichten herangezogen, von denen man in teilweise sehr überheblicher Art annimmt, sie würden aufgrund ihres unreflektierten Lebens auch weniger Leiden verspüren, die Leute, die „den ganzen Tag fernsehen und Chips fressen und einen auf Hartz IV“ machten, denen sei das egal, sie bekämen ja ihre Stütze und damit sei es genug. Eine Motivation, sich nach einem Job umzusehen, würden diese Leute nicht haben. Fragt sich erstens, woher man all diese Informationen hat und woher man eigentlich weiß, wie Menschen fühlen, wenn sie aus sozial schwachen Verhältnissen kommen, vor allem woher man das wissen will, wenn man nicht in der eigenen Familie oder im engen Freundeskreis genau solche Lebenssituationen hautnah vorfindet. Doch nicht etwa aus dem Fernsehen? Das dürften in jedem Fall sehr zweifelhafte Quellen sein. Schon gar nicht sagen sie irgend etwas Wertvolles über die Verhältnisse und Gefühlswelten der so Dargestellten aus.
Immer wieder konzentriert sich die Debatte also auf den Kreis der Menschen, die es „nicht schaffen“, sich dieser Gesellschaft anzupassen. Die Frage, warum jemand eigentlich nicht arbeiten kann oder nicht arbeiten will, darf nicht mehr gestellt werden, denn das Urteil ist klar: Wer nicht arbeiten will, hat es nicht verdient, in den Genuss öffentlicher Hilfen zu kommen.
Die Menschen, die sich Bildung entziehen, seien selbst Schuld. Ungelernte Arbeiter und Angestellte haben in der Regel keine Chance auf dem Arbeitsmarkt. Die Frage ist: Warum eigentlich? Diesen Leuten, die keine staatlich und gesellschaftlich anerkannten Fähigkeiten mitbringen, suggeriert man, dass sie eben genau diese Fähigkeiten mitzubringen haben, wenn sie sich um einen Job bemühen. Menschen, die vielleicht ohne formales Bewerbungsanschreiben in einen Betrieb gehen würden, um dort ganz unverbindlich nach Arbeit zu fragen, sagt man, sie sollen ein Bewerbungstraining mitmachen, da sie sich den heute geltenden Anforderungen anzupassen hätten. Usus ist, dass ein Arbeitsuchender spontan erst gar nicht vorgelassen wird, man solle sich bitte schriftlich bewerben oder einen Termin einholen.
Zwang zur Bildung
Was, wenn jemand aber gar nicht der Typ dafür ist? Glaubt man wirklich, dass jeder einzelne Mensch sowohl die geistigen Fähigkeiten als auch den Willen mitbringt, eine Ausbildung zu machen? Es ist zudem nicht nur eine Frage des Könnens, sondern sowohl eine Frage des Wollens als auch des Überwindens. Menschen, die sich als ungelernt eingestuft sehen, ohne Hauptschulabschluss, denen wird gesagt: Du bist nichts. Ohne einen Abschluss bist du kein wertvolles Mitglied dieser Gesellschaft. Jemand, der sich so beurteilt sieht und es in seiner Jugend versäumt hat, einen Schulabschluss zu machen, dürfte große Schwierigkeiten damit haben, sich so zu motivieren, dass er von sich meint, einen Schulabschluss, geschweige denn eine Ausbildung erreichen zu können. Die Angst, zu versagen, ist ein bedeutender Faktor, es gar nicht erst auszuprobieren. Wem will man das vorwerfen? Die Angst, es nicht zu schaffen, in einer Welt, wo es scheinbar für alle normal ist, etwas zu lernen und dafür dann einen Stempel zu bekommen.
Staatlich anerkannte – und damit gesellschaftlich anerkannte – Bildung wird gerade heute exorbitant stilisiert. Dabei zeigt doch häufig genau die Praxis das Gegenteil. Ohne „Scheine“, allein durch die tägliche Arbeit und das Sammeln von Erfahrungen, das Lernen von anderen Menschen hat so manch einer eine erfüllende Arbeit gefunden und auch Anerkennung in seinem Kollegen- und Freundeskreis. Das Problem ist: Wehe, die Arbeit geht aus. Da nützt es wenig, wenn man sich auf seine Erfahrung, auf seinen guten Willen beruft. Keinen Schulabschluss? Aufwiedersehen.
In der Jugendarbeitslosigkeit wird zudem mokiert, dass bei den Ämtern als auch bei den Unternehmern nicht genügend Interesse vorhanden sei, wenn es um freie Ausbildungsplätze geht. Das wird als „unverschämt“ empfunden. Da reicht man den Jugendlichen schon mal die Hand und dann wird diese auch noch ignoriert. Dabei vergessen sowohl Unternehmer als auch Politiker, dass Menschen nun mal keine Schachbrettfiguren sind, die man dann zieht und einsetzt, wenn man sie gerade für die eigene Strategie braucht.
Besserwisser bei Maischberger
In der Sendung „Menschen bei Maischberger“ vom 27. April 2010 wurde das ganz deutlich: Frau von der Leyen, die ganz begeistert von der Idee war, einen arbeitslosen jungen Mann unbedingt in die Altenpflege hinein zu überreden, da gäbe es einen eklatanten „Arbeitskräftemangel“ und man würde „Hände ringend“ nach Menschen suchen, ereiferte sich für ihre Idee und vernachlässigte dabei den Willen des jungen Mannes. Der in der Runde sitzende Unternehmer einer Gebäudereinigungsfirma sprach davon, dass es immerhin ein breites Portfolio an Arbeitsangeboten gäbe, die Handelskammer und Unternehmen würden regelmäßige Einladungen an die Jugendlichen schicken, doch die Resonanz sei enttäuschend. Von etwa 2000 Eingeladenen seien im letzten Jahr nur 700 erschienen. Das ist ein deutliches Zeichen. Will man das etwa nicht verstehen?
Das repressive System
Was ist also die Ausgangslage von Jugendlichen, die Hartz IV beziehen? Wer einmal im System ist, bekommt gleich von Anfang an die Repressalien vorgesagt. Wenn du nicht das tust, was wir dir sagen, dann wirst du von uns bestraft. Das beginnt damit, dass man Termine vorgesagt bekommt, zu denen man im Amt zu erscheinen hat. Das geht weiter mit Bewerbungstrainings, mit der Vermittlung von Praktika und 1-Euro-Jobs, die man dem Jugendlichen „nahe legt“. Dahinter steht stets die Drohung, dass wenn er die Angebote ablehnt, er die Sanktionen zu spüren bekommt. Tatsächlich ist man der Meinung, wer so wenig Chancen auf dem Arbeitsmarkt hat, der muss sich einerseits dankbar für den Einsatz der Job-Center zeigen und der müsse demütig sowohl Termine einhalten als auch dort arbeiten, wo man ihn hinschickt.
Nehmen wir mal das Beispiel der Terminvergabe. Der Mitarbeiter im Job-Center schreibt dem Arbeitslosen einen Brief, wo ihm Datum, Ort und Uhrzeit mitgeteilt werden. Gleich daneben steht, wer diesen Termin nicht einhält, dem werden die Leistungen gekürzt. Man geht davon aus, dass der Arbeitslose jederzeit verfügbar sei und dass er im Falle eines unentschuldigten Nichterscheinens kein Anrecht auf weitere Leistungen haben darf. Selbst wenn versäumte Termine später begründet werden, reicht dies nicht aus, um die Sanktion aufzuhalten. Wer keinen schriftlichen Nachweis darüber führen kann, warum er nicht zum Termin erschienen ist, der erhält eine Kürzung. Ganz egal, was ihm in Wirklichkeit passiert ist.
Wer erwachsene Menschen wie Kinder behandelt, darf sich nicht wundern, wenn diese sich auch wie Kinder benehmen. Wer von der Obrigkeit Termine bekommt, die er nicht frei gewählt hat, dem scheint es in der Tat häufig zu passieren, einen Termin zu „vergessen“. Es gibt wegen und nicht trotz dieser harten Sanktionen immer wieder Fälle von innerlicher Verweigerung.
Wieso kann ein Job-Center nicht einen Termin gestalten, wie man es in der freien Wirtschaft auch tut? Indem man beispielsweise das Ganze als Terminvorschlag schriftlich versendet oder telefonisch abspricht und den Arbeitslosen danach fragt, ob dieser Termin für ihn gut ist oder er einen anderen wünscht? Man könnte jetzt argumentieren, dass die Terminvergabe eben nichts anderes sei als ein Vorschlag. Doch muss dem entgegengehalten werden, dass der Ton noch immer die Musik macht. Wer einen Termin bekommt und im gleichen Atemzug die Folgen seines Nichterscheinens mitgeteilt bekommt, fühlt sich bevormundet, von der ersten Sekunde an. Die beigefügte Rechtsbehelfsbelehrung tut dann noch ihr übriges. Es ist genau dieser erste Schritt, der die nachfolgenden Schritte so schwierig macht. Indem die Dinge von Beginn an falsch angepackt werden, ist der weitere Verlauf sowohl aufseiten der Arbeitslosen als auch aufseiten der Job-Center Mitarbeiter nicht primär kooperationsgeprägt.
So sehr sich die Mitarbeiter in den Agenturen und Job-Centern auch als „Berater“ ausweisen, so klar ist, dass sie in erster Linie Vorgesetzte sind.
Die Gesellschaft – diejenige, die über die Geschicke anderer bestimmt – ist darauf aus, dass die Anforderungen des Arbeitsmarktes von allen zu erfüllen seien. Und zwar bedingungslos. Man habe sich anzupassen, fortzubilden, man habe darauf zu achten, nicht aus dem Arbeitsprozess herauszufallen. Schon eine Arbeitslosigkeit von mehreren Monaten mache eine Vermittlung problematisch. Der Markt fordere ein gewisses Maß an Bildung, Arbeit für Ungebildete scheint es demnach nicht zu geben.
Was ist aber mit den Menschen, die kein Faible für Wort und Schrift haben, mit solchen Personen, die sich eher als Anpacker oder Praktiker sehen? Wozu müssen diese Menschen fit sein in Sachen Textverarbeitung und dem Formulieren von Bewerbungen? Vor allem dann, wenn sie es gar nicht wollen? Die Mitarbeiter der Agenturen für Arbeit sagen zwar, dass sie sich dem Einzelnen annehmen müssten, jedoch ist die Mechanik und Systematik eine andere. Die erarbeiteten Standards von Vermittlung können den Einzelnen gar nicht berücksichtigen, wenn ein Mitarbeiter hundert Arbeitslosen gegenübersteht. Auch wird behauptet, es müsse für den Einzelnen einen permanent zuständigen Ansprechpartner geben.
Wo das stattfindet, ist unklar, denn in der Praxis sieht es so aus, dass die Zuständigkeiten der Mitarbeiter für die Arbeitslosen sehr häufig wechseln. Auch werden die jeweiligen Arten der Leistungsgewährung nicht von einer Person, geschweige denn von einer Abteilung abgewickelt. Die Vermittlung in ein Angestelltenverhältnis wird von Mitarbeiter X abgewickelt, die Beantragung eines Gründungszuschusses oder Einstiegsgeldes von Mitarbeiter Y bearbeitet. Die Weiterbewilligung wird von Mitarbeiter Z geprüft. Dies ruft den Verdacht auf, dass eine empfundene Empathie der Agenturmitarbeiter gegenüber dem Arbeitslosen insofern steigen könnte, als dass er die Situation desjenigen besser verstehen und mitfühlen kann. Menschen, die im Gegensatz dazu keine Möglichkeit haben, über einen längeren Zeitraum eine Beziehung zueinander aufzubauen, schlägt man darum schneller etwas ab.
Hinzu kommt, dass es eine sehr eingeschränkte Erreichbarkeit der in den Ämtern und Job-Center Tätigen gibt. Telefonische Sprechzeiten, beispielsweise Montag bis Freitag 8-9 Uhr sind keine ausgedachte Zahl, sondern tatsächliche Angaben von Job-Centern. Persönliche Email-Adressen nach wie vor kein Bestandteil der Briefköpfe. Ein rasches Klären der Angelegenheiten von Arbeitslosen ist darum schwer möglich. Man muss darum noch immer den klassischen Weg der Briefpost wählen oder aber sein Glück versuchen, innerhalb der telefonischen Sprechzeit jemanden zu erreichen. Wenn man schon nicht unterstellen will, dass diese Abstinenz Absicht ist, so kann man vermuten, dass die Mitarbeiter deshalb so wenig Zeit erübrigen können, weil die Masse der zu Betreuenden einfach zu hoch ist. Die Bearbeitung von Anträgen und Weiterbewilligungen, das Ausrechnen der jeweiligen Leistungssätze: immens hoch im Aufwand, so dass die eigentliche Zeit und Beratungsleistung auf der Strecke bleibt.
Nicht nur, dass die Bezieher von ALG II sich einer starken Bevormundung ausgesetzt sehen, auch bei den Leistungsempfängern von ALG I hat diese Art der „Zusammenarbeit“ Einzug gehalten. Wo jemand, der im Vorfeld in die Arbeitslosenversicherung mittels Einkommensbezug Beiträge entrichtete, muss er ab Beginn seiner Arbeitslosigkeit einen schriftlich minutiösen Nachweis darüber liefern, wo, wann, bei wem und wie oft er sich beworben hat. Das darf man ruhig als grotesk bezeichnen, denn wie kann es sein, dass man als vorheriger Beitragszahler die Solidargemeinschaft unterstützte und als Leistungsempfänger genau von dieser Gemeinschaft gegängelt wird?
Wer unbedingte Kontrolle fordert, erntet Unfreiheit
Dies ist das unerquickliche Ergebnis der allgemeinen Missbrauchsdiskussion, ausgelöst durch Menschen, die an jeder Ecke einen Missbrauch vermuten und anderen üble Absichten unterstellen. Das ist das Pferd, auf das Politiker in Wahlkämpfen gesetzt haben, durch mediale Schlammschlachten unterstützt, um Stimmen zu fangen. Wer am Ende wen wie manipuliert hat, lässt sich kaum noch nachvollziehen.
Bild-Schlagzeilen triumphieren am Ende mit Sätzen wie „Hartz IV-Abzocker endlich gestellt“ und sonstigen Schwachsinn. Schließlich glauben die Bürger dieses Landes an eine Mehrheit von Missbräuchlern, die einer Minderheit von ehrlichen Menschen die Butter vom Brot klauen. Dabei ist die Realität andersherum. Die Missbrauchskandidaten bleiben und werden immer in der Minderheit sein.
Weil es erstens keinen Spaß macht, Missbrauch zu betreiben, weil es zweitens immer das gesellschaftliche Korrektiv geben wird und weil es drittens keine perfekte Gesellschaft gibt, in der alle Übeltaten, kriminellen Handlungen und Gefährdungen zu hundert Prozent eliminiert werden können. So eine Gesellschaft lässt sich nicht backen.
Die ständige Forderung nach mehr Sicherheit und Bestrafung hat doch nur eines zur Folge: Wer unbedingt, kompromisslos und radikal Missbrauch zu vermeiden sucht, wird nicht nur erfolgreich scheitern, aus den Menschen bessere Menschen zu machen, sondern er wird die Freiheit, die in diesem Land das höchste Gut ist, genau wie die Menschenwürde, noch weiter beschneiden. Denn betroffen von Sanktionen, Strafen und Kontrollen sind ja nicht allein die Missbrauchskandidaten, sondern gleichzeitig auch alle anderen. Wer sich als rechtschaffener Bürger dann hinterher, wenn er selbst arbeitslos geworden ist, darüber aufregt, warum man ihn wie eine Nummer behandelt, wieso er zich Formulare ausfüllen muss, wieso man ihm etwas unterstellt, was er nie tun würde und warum man ihn eigentlich auf irgendwelche Seminare schickt, die er nicht braucht, muss sich nicht wundern.
Tatsächlich kann man nicht beides gleichzeitig haben. Eine Freiheit, die das Leben in einem demokratischen Staat zu etwas ganz Wertvollem und Besonderen macht und zur selben Zeit die absolute Kontrolle. Das ist schlicht nicht möglich. Darum sollten wir gut aufpassen, was wir alles vom Staat fordern, was wir genauso gut selbst verantworten können.
Der fordernde Arbeitsmarkt
Allem wird der so genannte Arbeitsmarkt zugrunde gelegt. Was aber ist der Arbeitsmarkt? Und welche Art des Umdenkens muss hier eigentlich stattfinden? Überall hört und liest man, dass Bildung und Qualifikation so wichtig seien. Damit darf als letztes Beispiel die Dame herangezogen werden, die ebenfalls bei Maischberger auf dem Sofa Platz nehmen durfte. Mit Anfang Fünfzig arbeitslos geworden, ausgeschieden aus einer Führungsposition mit extrem gutem Einkommen und herausragender Bildung, Qualifikation und Erfahrung. Einhundertunddreißig Bewerbungen, fast ein Jahr später, also kurz vor dem Hartz IV Bezug, ist diese Frau noch immer nicht in Arbeit. Ihre Vermutung, dass in ihrem Alter die Chance auf eine Festanstellung tatsächlich schrumpft, ist gerechtfertigt.
Unternehmen bevorzugen in der Regel junge Menschen - positive Beispiele ausgenommen. Warum? Erstens ist die Wahrscheinlichkeit eines Ausfalls aufgrund von Krankheit geringer, zweitens sind junge Arbeitskräfte kostengünstiger und drittens sind sie formbarer als solche, die sich bereits eine gewisse Souveränität im Laufe ihres Lebens zugelegt haben. Die Gesichtspunkte bei der Auswahl von Bewerbern beschränken sich also auf Wirtschaftlichkeit (1. Entlohnung und 2. Funktionieren im Sinne von Gesund sein) und Anpassung (1. Eingliederung in das Arbeitsumfeld, 2. Formbarkeit und 3. Anerkennung von Hierarchien). Ist das der Arbeitsmarkt?
Dieses Beispiel macht sehr deutlich, dass ein gesellschaftliches Umdenken unbedingt stattfinden muss, damit sich nicht nur Menschen, die keine Ausbildung haben, wertvoll fühlen dürfen, sondern auch diejenigen, die eine haben, aber mit Anfang Fünfzig aufs Altenteil abgeschoben werden. Zu teuer, zu unbequem, zu unsicher.
Was bleibt übrig, wenn die Arbeit weg ist?
Was aber ist überhaupt die Erkenntnis, die Menschen gewinnen, nachdem sie von der Gesellschaft und von sich selbst eine Wahrnehmung hatten, die man „erfolgreich“ nennt? Jahrelang im Job, viel Geld verdient, viele Menschen kennen gelernt, Anerkennung genossen, dafür eine sehr hohe Leistungsbereitschaft gezeigt und sich so manch andere Dinge im Leben versagt. Wo stehen die Leute von einem Tag auf den anderen ohne ihre Arbeit?
Wie schnell setzen Panik, Zweifel und Unsicherheit ein? Binnen weniger Wochen oder Monate scheint das gesamte Konstrukt, auf dem man sich sein Leben aufgebaut hat, bedeutungslos zu werden. Warum? Wie kann Arbeit eine so wichtige Rolle im Leben spielen, wenn danach die meisten Kontakte und Beziehungen zu den Menschen, die einmal Arbeitskollegen oder Kunden waren, sich in nichts auflösen? Wie viel Nachklang, wie viel Nachhaltigkeit beinhaltet eine Arbeit überhaupt? Stellt sich dann nicht die Frage, dass eine Arbeit, die allein auf wirtschaftlichem Erfolg basierte, die Unternehmen und ihren Zielen mehr diente, als den eigenen Zielen und Wünschen? Die Erfahrung ist letztlich das einzige, was sich einem nicht nehmen lässt. Wie eng sind dann noch die Beziehungen zu den ehemals guten Kollegen und Chefs?
Die Lüge von der Vollbeschäftigung
Die Dame sagte den Satz: „Die Vollbeschäftigung ist Geschichte. Es wird nie wieder Vollbeschäftigung geben.“ Frau von der Leyen, die gerne ein positiver Mensch ist und sich kämpferisch zeigt, entgegnete, dass man das so nicht sehen dürfe, man müsse dies zum Ziel erklären.
Was ist das für eine Art von Aktionismus? Das Ziel der Arbeitsministerin lautet also: Wir wollen in unserem Land eine Vollbeschäftigung haben. Die Mittel sind auch klar: mit den Werkzeugen, die zurzeit dafür eingesetzt werden. Die zuvor geäußerten Sätze waren sehr deutlich zu verstehen. Sanktionen sind ein hinzunehmendes und notwendiges Mittel, um die Arbeitslosen dazu zu bewegen, arbeiten zu gehen. „Man müsse die Menschen ernst nehmen, aber man müsse auch zeigen, dass man es ernst meine“. So oder ähnlich lautete die Aussage Frau von der Leyens.
Tatsächlich ist an dem Ziel nichts auszusetzen, wenn man denn „Vollbeschäftigung“ anders definieren würde. An Beschäftigung würde es uns wirklich nicht mangeln.
Was Politiker nicht sehen können, anscheinend, weil sie wirklich nicht dazu in der Lage sind, ist, dass die Definition von Arbeit umgedacht werden muss.
Menschen dürfen nicht davon ruiniert werden, sowohl wirtschaftlich als auch emotional, wenn sie ihre Arbeit verlieren. Die Energie, die dafür verbraucht wird, sich wieder einigermaßen auf den Weg zu bringen, die Angst, abzurutschen und seine Existenz nicht mehr auf die Reihe zu kriegen, blockiert Kreativität und Ideenreichtum. Viel zu häufig macht man aus der Not eine hastige Tugend. Aus der Tugend jedoch ein Unternehmen zu gründen, so eine Muße darf sich hierzulande (noch) nicht gegönnt werden.
Wo Menschen zu Beginn einer Arbeitslosigkeit erst einmal die Zeit bräuchten, sich zu sammeln, sich ohne zeitlichen Druck zu orientieren, darf die Wirtschaftlichkeit nicht an erster Stelle stehen. Von einem Job in den nächsten hetzen, um keine Lücken im Lebenslauf zu haben, getrieben von einer makellosen Vita, die man anderen und sich selbst vorzeigen will, das ist kein gutes Leben, das ist einfach nur Stress.
Warum soll das ein gesellschaftlich akzeptierter Zustand sein? Leiden und Verzichten scheinen aber ganz besonders die zu propagieren, denen Leid und Verzicht schon eine Weile nicht untergekommen ist.
Der Optimismus von Frau von der Leyen, die ihrerseits fest im Sattel sitzt, sich ihre Anwartschaft auf Pension bereits gesichert hat und den Menschen das Blaue vom Himmel herunterbetet, ist darum nicht zu teilen. Ein Problem in unserer Politik ist, dass dort Menschen sind, die sich schwer bis gar nicht in die Lebenssituationen von Menschen hineinversetzen können, über die sie zu bestimmen haben.
Die von Herrn Möhring-Hesse beschriebene Handlungsfreiheit „nicht solitär, „egalitär“ und „inklusiv“ findet in der Gegenwart keinen Niederschlag, denn das Mittel, um diese Form der Freiheit zu gewähren, ist noch nicht eingeführt: Das bedingungslose Grundeinkommen.
02 Mai, 2010 um 17:30 Uhr
jetzt hab ich mir doch tatsächlich den ganzen Artikel reingezogen. Der Arbeitslosenteil ist ja schon sehr langatmig.Fand mich plötzlich ganz weit weg vom Thema bedingungsloses Grundeinkommen. Wär echt interessant sich mit dem philosophischen Quartet mal so richtig lange zu unterhalten.Da ergibt irgendwie eine Frage die nächste. Meine persönlichen Erfahrungen und die mit Menschen aus allen sozialen Schichten und Bildungsschichten sind andere.Was nicht bedeutet, das das was hier beschrieben steht nicht existiert. Nur wie gehen wir damit um? Wieviele Menschen wissen denn schon, dass sie bereits frei sind und das alle Macht von innen kommt. Wenn ich mich als Marionette zur Verfügung stelle ist es klar, dass an meinen Fäden andere ziehen.Wenn hier von der Befähigung NEIN zu sagen gesprochen wird.Wir haben doch schon die Freiheit NEIN zu sagen. Nur sind wir auch bereit die Folgen daraus zu übernehmen? Handlungsfreiheit ist nicht gleich Handlungskompetenz.Die brauchen wir auch. Bildung ist sehr gut, aber was für eine Bildung? Werden wir nicht viel mehr zu unmündigen “Fachidioten” heranerzogen als zu lebenstauglichen Individuen? Zu Freiheit gehört natürlich auch Eigenverantwortung, Willensstärke und Disziplin ob uns das schmeckt oder nicht. Irgendwie scheint das nicht jedem mitgegeben zu sein. Daran ändert auch ein bed. Grundeinkommen nichts.Ich glaube für Menschen die wissen was sie wollen und ihrem Ziel treu bleiben gibt es auch heute und in diesem Land schon immer viele Möglichkeiten. Ich selbst fühlte mich frei genug in meinem Leben immer wieder neu anzufangen und mich neu und anders zu verwirklichen.Bevor mir ein Arbeitsamt vorschrieb wo ich morgen hin soll, hab ich das lieber sebst entschieden. Finanzierbar ist es sicherlich das bed. Grundeinkommen. Es gibt ja anderswo schon die bedingungslose Grundrente (die sich aus der Mehrwehrtsteuer finanziert) was ich echt super finde.
LG Shana`Sha
10 Mai, 2010 um 11:38 Uhr
Danke für Deine Ausführungen.
Bitte: Wir können gemeinsam daran arbeiten, dass wir die Arbeit neu denken lernen, in gleicher Weise, wie Herr Werner vorschlägt das Einkommen und dessen Verteilung neu denken zu lernen.
Wollen wir uns darauf einigen, dass wir nicht vorrangig der Arbeit, sondern die Arbeit auch uns dienen soll? Dass die Arbeit, die wir leisten, nicht all unsere Kräfte aufzehren und uns erschöpfen sollte. Sie sollte uns stattdessen mehr Kraft und Energie verleihen, sie sollte uns bei unserer Entwicklung unterstützen, lebendigere, stärkere Menschen zu werden.
Es geht um die Schaffung einer Gesellschaft und Kultur, in der wirklich jeder Mann oder Frau die Chance bekommt, einen beträchtlichen Teil seiner Zeit mit einer Arbeit zu verbringen, die er oder sie erfüllend und faszinierend findet und die die Menschen aufbaut und ihnen Kraft und Vitalität gibt.
Bei der Reduzierung der Abhängigkeit von der Lohnarbeit, von der Lohnarbeitsbürokratie und den beschriebenen bevormundenden Beratungen wollen wir eine Ebene erreichen, die in dieser Hinsicht eine deutliche Veränderung zeigt, die es einem Menschen also erlaubt, seine Lohnarbeit um ein Drittel oder die Hälfte zu reduzieren, in dem er sie auf angenehme Weise mit einer selbstversorgenden oder eigenproduzierenden Arbeit ausbalanciert.
Neben der Lohnarbeit gibt es also die Vorstellungen der Wunscharbeit und der Eigenarbeit, die im Verständnis einer Neuen Wirtschaft gleichwertig sind. Möglicherweise besteht in dieser Betrachtung der Zugang zu einer nachhaltigen vorsorgenden Wirtschaftsform.
Die “totale Fremdversorgung” zur Begründung des bedingungslosen Grundeinkommens zu veranschlagen, halten wir für falsch. Das befreiende emanzipatorische Potential des bedingungslosen Grundeinkommens besteht in der Wahlfreiheit der prinzipiell gleichwertigen Arbeitsformen zur Selbstversorgung und Fremdversorgung.
Aus diesen Überlegungen ergeben sich die Perspektiven für die Beratungssituationen in den Agenturen für Neue Arbeit - eine neue Beratungskultur, Wir sprechen von Zentren für Neue Arbeit, Neue Kultur.
Allein aus der Tatsache, dass wir den Menschen helfen, Arbeit zu finden, die sie sich zutiefst wünschen, folgt dass die Gesprächssequenzen, die wir mit diesen Menschen, unseren Associates, führen, freiwillig, höchst persönlich und individuell sind. Der Berater, den wir Mentor nennen, wird von dem Mentee erwählt. Diese Reihe von Gesprächen erstreckt sich manchmal über viele Monate, ja vielleicht sogar über ein ganzes Leben, manchmal sind sie auch sehr viel kürzer. Auf jeden Fall berühren sie verschiedenste Bereiche und springen zwischen vielen verschiedenen Themen hin und her, weil es darum geht, rasch auf eine Intuition, einen Vorschlag, eine Assoziation einzugehen. Sponateität und Reaktionsschnelligkeit gehören zu ihrem Wesen, und vor allem folgen sie mit größtmöglichem Feingefühl den Konturen des jeweiligen Individuums.
Dies ist meine Einladung zur Kolaboration.
Jörg Beger, Freiburg
Agentur für NeueArbeit-
NeueKultur amSchlachtHof
Industriegebiet Nord
Tullastraße 67
D-79108 Freiburg im Breisgau
http://neuearbeitberlin.mixxt.de/networks/members/index
10 Mai, 2010 um 14:36 Uhr
@ Shana`Sha:
Die Freiheit, nein zu sagen, haben wir. Das ist richtig. Ich möchte die Frage stellen, was es “kostet”, nein zu sagen - und zwar für denjenigen, der sich nicht eine spirituelle, religiöse oder geistige Freiheit zu Eigen gemacht hat oder dies bisher nicht konnte. Vor allem jedoch, wie weit dieses “nein” eigentlich gehen kann und wozu genau wir eigentlich nein sagen?
Es gehört eine große Portion Wagnis und Selbstwertgefühl sowie gewisse Fähigkeiten dazu, immer wieder neu anzufangen, wenn man sich klar wird, dass es das “jetzt” nicht ist, das man anstrebt.
Wie schwer oder leicht ist es zudem, nein zu sagen, wo der einzelne Mensch nicht allein sich selbst verantwortlich ist, sondern seiner Familie bzw. seinen Kindern gegenüber?
Beginnt man erst einmal, den Kapitalismus und seine historischen Erfolgskatapulte zu untersuchen, kommt man irgendwann zu der - sehr beängstigenden - Erkenntnis, dass “Freiheit” eine Illusion im Angesicht der Macht des Kapitalismus ist. Allein die “innere Freiheit” kann einen davor bewahren, die äußere Unfreiheit unbeschadet zu überstehen.
Diese zu überstehen, bedeutet auch, dass man dies nicht allein tun kann, sondern zu einem bedeutenden Teil über die Unterstützung und das Gewährenlassen von anderen. So kann ich mir vorstellen, dass das Neinsagen zwar eine sehr persönliche Sache ist, jedoch auch bedingt, dass der Neinsager auf ein Netz und doppelten Boden fällt - sei es durch eigene geistige Stärke, durch ein soziales Auffangbecken oder einen wohlmeinenden Mentor. Oder einem Mix aus allem.
10 Mai, 2010 um 14:54 Uhr
@ Jörg Beger: Danke für die Einladung zur Kolaboration.
Ihr Beratungsmodell ist sympathisch und sinnvoll, weil es nicht auf zeitliche Begrenzung und andere Zwangmechanismen einzahlt. Ich sehe die künftigen Beratungsaufgaben mit einem Grundeinkommen ähnlich.
Hinsichtlich “Fremdversorgung”: ich denke, das in der Befürwortung eines Grundeinkommens nicht gleichzeitig Kritiklosigkeit an der Fremdversorgung steckt, auch wenn man das rein faktisch so sehen könnte (aufgrund des Finanzierungsmodells Konsumsteuer beispielsweise).
Es ist eine Tatsache, dass wir in “vollendeter” Fremdversorgung existieren und dass diese letztlich zu einer sehr logischen gedanklichen Konsequenz führt: Wenn es dem Einzelnen nicht mehr möglich ist, sich selbst zu versorgen (weil die Welt hierfür zu klein geworden ist, die Bevölkerung zu groß, die Besitzverhältnisse aufgeteilt, die Arbeitsteilung nicht mehr rückgängig zu machen etc.), dann bleibt allein die Berufung auf das Menschenrecht.
Man kann zu niemandem sagen, er möge zusehen, wie er sich irgendwie durchbringt, wenn er diese Wahl gar nicht mehr hat. Die Wahl wäre, sich irgendwo ein Stück Land zu organisieren, es selbst zu bebauen, Vieh zu züchten und sich damit größtenteils unabhängig von anderen zu machen. Und nur noch die Dinge zu handeln, die man selbst nicht herstellen kann.
So gesehen, gibt es die Wahlfreiheit zwischen Selbstversorgung und Fremdversorgung nicht. Dafür bräuchte es auf dem Planeten einige Milliarden Menschen weniger.
Das Grundeinkommen ist sicher kein Garant dafür, dass genau die (unmenschlichen) Prinzipien, gegen die Menschen ankämpfen, auch tatsächlich langsam aber unaufhörlich zum Besseren mutierten. Vielleicht ist das Grundeinkommen ein erster Kleinkindschritt in Richtung “Berufswahlfreiheit” - die nächsten Steps in Richtung Bewusstseinsveränderung mögen wir damit aber erleichtern.
11 Mai, 2010 um 11:02 Uhr
Nun denn, ein Gedankenexperiment:
Ich bekomme ein bedingungsloses Grundeinkommen,
…dennoch verspüre ich das Bedürfnis einer Arbeit nachzugehen - arbeiten die ich wirklich wirklich will, gleichwohl mir diese Arbeit Dritte nicht immer entlohnen und ich mit meinem Grundeinkommen alles materiell existenzielle und noch mehr konsumieren kann. Ich nenne diese Arbeit auch Wunscharbeit.
Weiterhin verspüre ich wiederholt das Bedürfnis nach Arbeiten, die sich aus der Sicht der Lohnarbeit nicht rechnen und die ich nicht für Dritte, sondern für mich selbst mache und deren Ergebnis bspw. als Ware ich nicht kaufe möchte, sondern stattdessen selbstherstelle. Ich nenne das Eigenarbeit.
Jetzt drehe ich die Blickrichtung:
Wenn das bedingungslose Grundeinkommen notwendige Bedingung dafür ist, dass ich
1) meine Lohnarbeit gegenwärtiger Prägung - inklusive der spezifischen Lohnarbeitsqualifizierungsmaßnahmen - an zwei Tagen der Woche konzentriere,
2) an zwei Tagen in der Woche Zeit und Gelegenheit für meine Wunscharbeit(en) - inklusive der spezifischen Wunscharbeitsunterstützungsmaßnahmen - bekomme auch wenn diese eine Option auf Entlohnung haben,
3) an weiteren zwei Tagen je Woche die Möglichkeit für die Eigenarbeit - inklusive der spezifischen Qualifizierungssmaßnahmen für Eigenarbeit, Selbstherstellungstechniken und Selbstherstellungstechnologien - zwecks Grundversorgungsbeitrag bekomme,
(möglicherweise entfesseln wir eine technologische Revolution der Selbstversorgung, die technologische Revolution der Frendversorgung ist vermutlich weitgehend optimiert)
…dann kommt das dem bedingungslosen Grundeinkommen nahe, welches ich mir Wünsche.
Derjenige, der kein Bedürfnis nach einer Wunscharbeit oder nach einer Eigenarbeit hat, der ist frei lohnvermittelte Fremdversorgung exklusiv zu arbeiten.
Das bedingungslose Grundeinkommen erscheint mir als eine notwendige und nicht hinreichende Bedingung für die Neue Arbeit Neue Kultur, die ich mir zur Befreiung der verschiedenen Potenziale in der Arbeit bzw. der Potenziale in den verschiednenen Arbeitsformen wünsche. Auf diese Weise kommen wir vermutlich zu dem was wir einen nachhaltigen Arbeitsmix nennen werden
Ich kann mir vorstellen, dass wir uns damit gar nicht fremd sind.
Herzlichen Gruß
nach Hamburg
aus Freiburg im Breisgau
11 Mai, 2010 um 13:30 Uhr
Die Zukunft der Arbeit liegt womöglich nicht im Beruf…
Also sprach die Wirtschaft
von Helmut Saiger (1998)
Es erschallte ein Ruf durchs Land: Ihr Bauern, ihr Handwerker, ihr Weber, ihr Kaufleute, vergesst eure Not, kommt in die Städte, kommt in die Fabriken. Millionen folgten dem Ruf. Es gab ein Hauen und Stechen, niedrig waren die Löhne, lang war der Arbeitstag, es wucherten die Städte. Die Landwirtschaft schrumpfte, Familienbetriebe starben. Das industrielle Zeitalter war geboren. Das ist noch keine zweihundert Jahre her. Mit vielen Geburtswehen verbunden. Des ersten Tod, des zweiten Not, des dritten Brot. Massenarbeitslosigkeit und Kriege, bis die Zauberformel gefunden war: Marktwirtschaft + Demokratie + soziale Sicherung. Sie brachte den Wohlstand der Vielen, Freiheit, Wachstum und das kleine und große Glück.
Macht doch nicht mehr so viel selbst, warum wollt ihr euch so mühen, sprach die Wirtschaft zu den Haushalten, kauft doch lieber alles ein, das ist bequemer und spart Zeit.
Warum treibt ihr noch eigene Vorsorge, warum erzieht ihr eure Kinder noch selbst, warum pflegt ihr noch eure Kranken und Alten, dafür sind doch unsere Sozialversicherungen, Kindergärten und Schulen, Krankenhäuser und Altenheime da, sprach der Staat.
Kommt alle in den Beruf, sprachen Wirtschaft und Staat zu den Haushalten, er sei das Zentrum eures Lebenssinns und eurer Emanzipation, die Quelle eurer Versorgung und die Grundlage eurer sozialen Sicherung. Die Bürger folgten der Aufforderung. Und es ging ihnen gut dabei. Erwerbsarbeit, Konsum, Freizeit wurden die drei Säulen des Glücks.
Die Jahre vergingen und es erschallte wieder ein Ruf durchs Land:
Ihr Berufstätigen, sprach die Wirtschaft. Wir haben die Elektronik und Informatik, die Roboter und Computer nun entdeckt, warum sollten wir uns noch um eure Launen kümmern, um eure begrenzten Arbeitszeiten, wir brauchen jetzt viele von euch nicht mehr. Ihr Konsumenten, sprach die Wirtschaft: Wir haben den Weltmarkt entdeckt. Milliarden von Konsumenten erobern wir, da brauchen wir euer Einkommen und euren Konsum nicht mehr so sehr, warum also sollten wir euch hohe Löhne zahlen, wenn wir von eurem Konsum nicht mehr so abhängig sind?
Ihr Bürger, sprach der Staat: Die Steuer- und Sozialversicherungseinnahmen sinken, da weniger von euch arbeiten, woher also das Geld für eure soziale Sicherung und die gewohnte Versorgung nehmen? Ihr müsst jetzt auf mehr verzichten.
Was sollen wir tun?, sprachen die Bürger.
Das ist unsere Sache nicht, sprach die Wirtschaft, wir werden aber für eure Unterhaltung sorgen.
Ihr müsst euch selber helfen, sprach der Staat. Denn wir wissen nicht, wie es wieder Vollbeschäftigung geben kann. Und wir wissen auch nicht, wie wir euch Versorgung, Anerkennung und Sinn ohne Erwerbsarbeit verschaffen können. Wir haben keine Lösung.
Da begannen die Bürger, sich ihre Gedanken zu machen.
aus: Helmut Saiger: Die Zukunft der Arbeit liegt nicht im Beruf. Neue Beschäftigungs- und Lebensmodelle (1998)
Literaturverweise:
http://www.maubu.de/soz_2/ph68.htm
http://www.nadir.org/nadir/initiativ/bs/texte/c185-8b.htm
http://www.amazon.de/Zukunft-Arbeit-Beruf-Besch%C3%A4ftigungs-Lebensmodelle/dp/3466304725/ref=sr_1_5?ie=UTF8&s=books&qid=1273572992&sr=1-5
Berufe werden bei uns erfunden, entwickelt und zugelassen, beispielsweise von Berufsverbänden, Arbeitgeberverbänden, Gewerkschaften und dem Gesetzgebern: Die Rahmenbedingungen der Ausbildungen für diese Berufe regelt ein Berufbildungsgesetz (BBiG) und Berufe werden in Berufsordnungen festgelegt.
Die so genannten freien Berufe sind ebenfalls gesetzlich geregelt.
http://www.freie-berufe.de/Historie-der-Freien-Berufe.481.0.html
http://www.tagesspiegel.de/berlin/trotz-traumjobs-an-der-armutsgrenze/1636710.html
“Es muss ein neues Denken in der Öffentlichkeit wachgerufen werden.
Wir müssen dem Menschen, der einen Beruf ergriffen hat klar machen, daß in der raschen Wandlung in unserer modernen industriellen Welt – auch durch Automation – er in die Lage versetzt sein kann, mehrmals möglicherweise, in seinem Arbeitsleben seinen Beruf zu wechseln.“
Hans Katzer 1966, Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung
siehe auch:
Beck, Ulrich; Brater, Michael: Zur Kritik der Beruflichkeit des Arbeitens. 1978.
11 Mai, 2010 um 18:49 Uhr
an Jörg Beger:
ich habe einen Beitrag hierzu auf meinem eigenen Blog geschrieben und veröffentliche ihn hier eventuell noch einmal. Er bezieht sich in Teilen auf das, was Sie sagen. Ich denke, wir sind in vieler Hinsicht auf der selben Argumentations- und Denkebene. Die angeführten Autoren und Links werde ich mir noch anschauen.
Dass Arbeit neu gedacht und definiert werden muss, ist wohl eines der wichtigsten Anliegen in der Grundeinkommensbewegung - in anderen Kreisen genauso. Dass nicht allein ein Grundeinkommen diese Dinge bewältigen kann, ist glaube ich, den meisten klar. Was es aber tut: Es schiebt genausolche Gedanken an und zwar in einem Maß, dass sich weit über intellektuelle Kreise hinweg zieht und Themen ins normale Volk bringt, die an der Zeit sind, sie näher zu beleuchten und auszudisktieren.
http://bedingungslosesgrundeinkommen.wordpress.com/2010/05/11/responsibility/
08 Juni, 2010 um 00:10 Uhr
Liebe Frau Reglin-Hormann,
danke für Ihre Kommentare. Ich habe mich gefreut, hier jemanden zu treffen, der von der Thematik was versteht und sich auch wirklich drauf einlässt. Aber wie leidensfähig muss ich sein, um in den Genuss Ihrer Ausführungen zu kommen?
Weniger ist meistens mehr. Ich habe vor zwei Jahren mal eine Veranstaltung zum Grundeinkommen organisiert und moderiert, deren Ziel es war, möglichst viele Menschen aus dem Publikum zu Wort kommen zu lassen. Um dieses Ziel zu erreichen, haben wir die Redezeit auf eine Minute pro Publikumsredner begrenzt und auf diese Weise ca. 60 Publikumsbeiträge “geerntet”. Nur eine Minute Redezeit, das hört sich ja fast nach Zensur an - mag sein, dass das ein Verdachtsmoment ist. In Wirklichkeit war es nur eine für alle geltende Regel, und sie hat sich bewährt - denn ALLE haben es geschafft, sich darauf einzustellen und sich kurz zu fassen. Und das Ergebnis war bunt und vielfältig. Dieser Thread zeichnet sich leider dadurch aus, dass fast nur Sie schreiben. Wenn Sie sich bemühen würden, Ihre Beiträge auf max. 3.000 Zeichen, was m.E. schon viel zu viel ist, zu beschränken, würden Sie gewiss weit hilfreichere Beiträge zur Diskussion um das GE leisten, mehr Leser finden und mehr Resonanzen erhalten..
Diese Kritik schreibe ich in einem positiven Geist und keineswegs abwertend.
Viele Grüße
GüSö
08 Juni, 2010 um 10:02 Uhr
@ GüSö:
es stimmt, die Beiträge sind lang.
Ich möchte Sie fragen, warum Sie das mit Leidensfähigkeit verbinden. Vielleicht mögen Sie mir darauf noch einmal antworten.
Dank und Grüße
E. Reglin-Hormann
13 Juni, 2010 um 00:34 Uhr
e-lan
Ich antworte gerne, allerdings akzentuiert deutlich und in Thesen, die nicht richtig sein müssen:
1. Wer ausgehend von Banalitäten wie diesem missratenen phil. Quartett gleich Seiten schreibt, erweckt in mir die Vermutung, mehr sich selbst ausdrücken, als wirklich jemanden ansprechen zu wollen.
Wenn ich mit jemandem diskutiere, möchte ich auch nicht erst eine halbe Stunde zuhören müssen, bevor ich selbst auf den Gesprächsfaden eingehen kann. Ausführungen in dieser Länge sind zum Medium eines Kommunikationsforums nicht kompatibel.
2. Ich empfinde es als Ausdruck von Bequemlichkeit, so lange Texte zu schreiben. Denn knapp zu formulieren und dennoch auf den Punkt zu kommen, ist mit weit mehr Anstrengung verbunden.
Das Schreiben langer Texte ist zudem uneffektiv, denn so kommen keine Dialoge zustande, und das finde ich schade.
3. Nicht immer muss alles, was man gerade denkt, gleich in Texte gegossen werden. Manchmal ist es lohnender, sie in den grauen Zellen ein wenig rotieren zu lassen, um schließlich das zu extrahieren, was wirklich mitteilenswert ist.
4. Mein Hauptgrund: Es enttäuscht meine Erwartung auf ein gutes “Gespräch” via WWW und die Reaktion auf solche selbstdienlichen Beiträge ist, dass ich diese Diskussionsräume, weil sie keine sind, nicht mehr betrete.
Das Netz hat seine eigenen Gesetze, Regeln und Erwartungen. Mag sein, wir würden uns auf Anhieb gut verstehen und unterhalten, wenn wir uns in der Lebendigkeit des Alltags treffen würden. Aber wir treffen uns nun mal im Netz und zudem in einem Forum.
Grüße an Sie
GüSö
14 Juni, 2010 um 12:04 Uhr
@ GÜSO
ich will darauf eingehen.
1. Ich habe nur eine Ausdrucksform und das ist meine eigene. Ob das philsophische Quartett banal ist oder nicht, ist sicher Ansichtssache.
2. Die Aufmerksamkeit zu halten, ist anstrengend. Wenn es anstrengungslos sein soll, gibt es Millionen Seiten und Foren im Netz, die das bedienen. Dialoge kann man wollen oder ablehnen. Es kommt immer auf die Diskutanten an, nicht so sehr auf die Länge. Es wird sich nur gern drauf bezogen.
3. Wer entscheidet, was mitteilungswert ist? Sie, ich, der Leser, der gerade online ist? Zugegeben, es könnte kürzer sein - es ist eine Frage von Zeit, einen Artikel oder eine Antwort zu schreiben und diese dann so weit runterzukürzen, bis sie zu einem bequemen Happen wird. Das ist auch nicht meine Intention. Ich selbst habe beispielsweise kein Problem, mir lange Beiträge durchzulesen. Das, was mir unwichtig scheint, filtere ich raus. Das, was mir bedeutend vorkommt, darauf gehe ich dann ein.
4. Ein gutes Gespräch beruht auf Gegenseitigkeit. Wir hatten ja noch gar kein Gespräch. Im Moment reden wir über die Form, nicht über den Inhalt.
Tatsächlich ist ein Dialog von Mensch zu Mensch ganz anders, da bin ich mit Ihnen einer Meinung.
Wenn sich ein Mainstream entwickelt, kann ich dennoch entscheiden, ob ich dem Strom folge oder auch nicht. Ich kann so frei sein, die “Netz-Gesetze” zu umgehen. Das empfinde ich als eine angenehme Freiheit, die nirgendwo mehr leicht zu finden ist.
Dass Sie sich entscheiden, diese Form nicht gutzuheißen, ist eben Ihre Freiheit.
16 Juni, 2010 um 10:37 Uhr
e-lan
Liebe Erika Reglin-Hormann,
ich glaube, es wäre schön, wenn wir uns mal treffen und unterhalten könnten. Leben Sie vielleicht auch in Berlin, dann würde ich gerne ein Treffen vorschlagen wollen, vielleicht bei Global Change.
Herzliche Grüße
GüSö
16 Juni, 2010 um 11:21 Uhr
@ GüSö:
das täte ich sehr gerne, ich denke auch, dass der echte Kontakt außerordentlich wertvoll ist. Leider ist Berlin zweieinhalb Stunden entfernt, ich lebe in Hamburg.
Haben Sie ab und an hier zu tun?
Anfang Juli habe ich evtl. einen beruflichen Termin in Potsdam, weiß nur nicht, wie ich das verbinden soll, weil wir nach dem Treffen wieder gleich zurück fahren würden. Habe keine Bekannten in Berlin, bei denen ich ggf. übernachten könnte.
Falls es Sie in die Hansestadt verschlagen sollte, würde ich mich über ein Kennenlernen freuen. Wir planen im Oktober eine große Veranstaltung auf Kampnagel (Veranstaltungszentrum). Nähere Infos finden Sie auf: http://www.ueber-morgen.org/
Dabei sein werden Wladimir Kaminer, Katja Kipping, Götz Werner und andere.
Viele Grüße
E. Reglin-Hormann
02 Juli, 2010 um 08:05 Uhr
Hallo Frau Reglin-Hormann,
ich war leider länger nicht auf dieser Seite. Vielen Dank für die Festival-Hinweis. Das ja spannende Diskussionen erwarten, vor allem mit Christian Rickens, mit dem ich schon mal eine gemeinsame Veranstaltung in HH geplant hatte, die nur deshalb nicht zustande kam, weil ich keine Frau bin. So kann´s gehen.
Mir würde es gefallen, bereits früher als im Oktober nach Hamburg zu kommen. Sollte das der Fall sein, werde ich mich rechtzeitig melden.
Herzliche Grüße
Günter Sölken
02 Juli, 2010 um 09:34 Uhr
Hallo Herr Sölken,
ja, ich bin auch schon sehr gespannt, wie die Veranstaltung laufen wird. Wir haben noch weitere spannende Gäste bekommen. Im Augenblick planen wir noch eine sommerliche Krönungsaktion zum Grundeinkommen in ganz Hamburg. Ich werde die Presse-Info hierzu auf meinem Blog veröffentlichen.
Sollte es Sie früher nach Hamburg verschlagen, freue ich mich ggf. auf ein Kennenlernen.
Herzliche Grüße
E. Reglin-Hormann